Leichtathletik: Keine Hürde türmt sich so hoch wie Papas Bestzeit

Geislinger Zeitung – Thomas Friedrich – 10.02.2018

Leichtathletik Sprinterin Lisa-Maria Oechsle aus Ditzenbach hat ihren ersten Titel bei den Frauen gewonnen. Nur über die Hürden ist sie schneller als ihr Vater. Von Thomas Friedrich
So erfolgreich wie der Papa ist sie noch lange nicht. Gerhard Oechsle war bei den Olympischen Winterspielen 1984 in Sarajevo und gewann ein Jahr zuvor bei der Weltmeisterschaft in Lake Placid Silber. Wie viele Bobfahrer hatte auch er eine Vergangenheit als Sprinter. Die 100-Meter-Bestzeit ihres Papas kennt Lisa-Maria Oechsle gar nicht, fände es aber „schon einen echten Anreiz“, sie zu unterbieten. Bis es soweit ist, schwant ihr, wird es aber „sicher noch etwas dauern“.

Flachstrecken gehören ohnedies eher zum Nebenprodukt im Alltag der Bad Ditzenbacherin. Sie fokussiert sich auf den Hürdensprint, in der Disziplin gewann sie vor zwei Wochen in Mannheim ihren ersten baden-württembergischen Meistertitel bei den Frauen. 9,19 Sekunden reichten, um die Konkurrenz in Schach zu halten. Lisa-Maria Oechsle hat aber noch Größeres vor. Kurzfristig will sie bei den nationalen Titelkämpfen in der Halle wie im Freien einen Platz im Endlauf. Ende Februar geht’s in Halle/Saale um die deutschen Hallentitel. Für ein Ticket im Endlauf wird Oechsle ihre Bestzeit „wahrscheinlich unterbieten müssen“. Die steht bei 8,95 Sekunden, aufgestellt vor zwei Wochen in Sindelfingen.
Neben sportlichen wartet auf die 19-Jährige ein schulisches Großereignis. Im April macht sie ihr Abitur. Das war bislang, gesteht Oechsle, für sie „noch nicht so das Thema“. Gebüffelt hat sie vor oder nach dem Training und am Wochenende, wenn mal keine Wettkämpfe anstanden. In den Faschings- und Osterferien liegen die Schwerpunkte anders. Dann sind Schulbücher wichtiger als Trainingspläne.

Über ihre berufliche Zukunft nach dem Abitur hat sie noch nicht entschieden. In ihrer Gunst am höchsten steht ein Studium, da es mit ihren sportlichen Ambitionen „leichter zu vereinbaren“ sei. Womöglich kann das aber noch ein Jahr warten. Oechsle spielt auch mit dem Gedanken, ein Jahr lang eine Auszeit zu nehmen und einige Praktika zu absolvieren, um herauszufinden, wo ihre Neigungen wirklich liegen.

Lisa-Maria Oechsle fliegt über die Hürden. In Baden-Württemberg ist keine schneller als sie.⇥Foto: Ralf Görlitz

Diese Frage hat sie in ihrem Sport schon geklärt. Sie sieht sich als Hürdensprinterin. Sprints über die Flachstrecke stehen nicht im Trainingsplan. Es geht ausschließlich über Hürden. Wenn Lisa-Maria Oechsle im Wettkampf mal einen Flachsprint absolviert, kriegt sie das ohne komische Bewegungen hin. Sie simuliert dabei keine automatisierten Sprünge über Hürden, die beiden Lauftechniken kann sie „schon noch unterscheiden“. In der Halle hat Oechsle ihre Bestzeit deutlich verbessert, in der Sommersaison will sie ihren Freiluftrekord knacken. Der steht über 100 Meter Hürden bei 14,45 Sekunden, gemessen an ihren Ambitionen findet die 19-Jährige diese Zeit „nicht so besonders“. Im Vorjahr sei sie „technisch noch nicht so gut“ gewesen. Seitdem hat sie intensiv an ihrer Hürdentechnik gefeilt, jetzt will sie ihre Freiluftleistung zügig ihrer Hausmarke unterm Hallendach anpassen.

Das mit der Bestzeit ihres Vaters wird ohnedies schwierig. Gerhard Oechsle lief einst handgestoppt zwischen 10,8 und 10,9 Sekunden. Das entspricht elek tronisch gemessenen 11,0 Sekunden. Noch fühlt sich der Papa sicher. Um seine Zeit zu knacken, müsste die Tochter „schon in den Bereich des deutschen Rekordes laufen“. Bisher hat Lisa-Maria Oechsle eine Bestzeit von knapp über zwölf Sekunden stehen. Die Hausmarke ihres alten Herrn türmt sich da wie ein Berg vor ihr auf. Zum Glück hat der Vater keine Hürdenzeit stehen. „Da ist sie in jedem Fall schneller als ich“, gibt Gerhard Oechsle zu. Das reicht Lisa-Maria nicht, sie will irgendwann auch schneller als die meisten deutschen Frauen laufen.

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