Triathlon: Doppelweltmeister – Hermann Scheiring landet den nächsten Coup!

Carina Söll – 12.10.2019

Nach dem sensationellen Weltmeistertitel auf Hawaii im vergangenen Jahr krönt Hermann Scheiring die Saison mit dem nächsten Titel: In Nizza wurde der Triathlet der TG Geislingen Ironman-Weltmeister über die Mitteldistanz.

Dieses Jahr konzentrierte sich der TG-Triathlet voll und ganz auf die Mitteldistanz. Mit einer Zeit von 5:05 Stunden überquerte Hermann Scheiring als Erster von insgesamt 120 Startern in seiner Altersklasse die Ziellinie und ist nun Doppelweltmeister.

Nach dem Hawaii-Sieg gehörte Scheiring zwar zum Favoritenkreis, jedoch war das Rennen äußerst spannend und die Mitteldistanz-Spezialisten machten es ihm alles andere als leicht. Dabei sah es zwei Wochen vor dem Rennen ganz danach aus, als ob es nichts wird mit einer guten Platzierung: Beim Isolieren auf der Baustelle seiner Tochter verdrehte sich der zwar gut austrainierte aber für solche Tätigkeiten nicht belastbare Athlet die untere Wirbelsäule. Laufen und Schwimmen waren nur noch eingeschränkt machbar. Aber die Naturheilpraxis Jettmar leistete mit Akupunktur und Einrichten hervorragende Arbeit und machte einen Start möglich. „Es wurde zwar von Tag zu Tag besser, aber ich ging mit einem mulmigen Gefühl an den Start“, so Scheiring. Und die lange Autofahrt nach Südfrankreich war auch nicht gerade hilfreich.

Geschwommen wurde im Mittelmeer, direkt vor dem berühmten Strand der „Promenade des Anglais“. Das Wasser war nach dem heißen Sommer fast 26 Grad warm, so dass ohne Neoprenanzug geschwommen wurde. „Für mich ein Nachteil, denn da wird der Abstand zu den Spitzenschwimmern größer“.  Mit einer für ihn guten Zeit von 31 Minuten stieg Hermann Scheiring als Fünfter aus dem Wasser. Der Abstand zum Führenden betrug drei Minuten und hielt sich in Grenzen. Mit einem schnellen Wechsel konnte der Degginger den Abstand verkürzen und auf Platz vier vorrücken. Soweit lief alles nach Plan und die starken Disziplinen sollten ja erst noch kommen. „Von draußen hatten mir meine Frau und ihre Schwester die Zwischenzeiten zugerufen. So wusste ich, dass ich voll im Plan war“. Die Radstrecke war für Hermann Scheiring eigentlich ideal: Von null auf tausend! D.h. von Meereshöhe auf den Col de Vence mit fast tausend Metern Höhe. Im Training hatte er sich genau auf diesen langen Anstieg vorbereitet und statt der Zeitfahrmaschine auch das leichtere Rennrad genommen. Doch die Rechnung ging nicht ganz auf: Auf der flachen Anfahrt Richtung Vence verlor Hermann Scheiring richtig Zeit und einen Platz auf den wie entfesselt fahrenden französischen Meister Pierrat. Nach dreißig Kilometern hatte sich dieser bereits auf Platz zwei vorgeschoben, der Abstand zur Spitze war auf satte sechs Minuten angewachsen. Im Anstieg auf den Col de Vence konnte Hermann Scheiring aber seine Stärke als Bergfahrer ausspielen, den Abstand verkürzen und auf Rang drei vorfahren. Ein Spitzentrio bestimmte von nun an das Rennen: vorneweg der Grieche Christos, zwei Minuten dahinter Pierrat und wieder zwei Minuten später Scheiring. Die anderen Athleten fielen nach und nach zurück. In der spektakulären Abfahrt riskierte der ortskundige Franzose viel und verkürzte seinen Abstand um eine Minute, während Scheiring und Christos nahezu gleich schnell ins Tal rasten. „Die Abfahrt war landschaftlich unglaublich schön, aber im Wettkampf nahm ich kaum etwas davon wahr“. Die Strecke war technisch anspruchsvoll und verlangte volle Konzentration. Nicht alle Athleten kamen heil herunter, es gab ein paar Unfälle. Auf der Flachstrecke Richtung Nizza verlor Hermann Scheiring wiederum Zeit gegenüber den mit Zeitfahrrädern Führenden, so dass er mit einem nicht zu erwartenden Rückstand von sechs Minuten in die zweite Wechselzone stürmte.

Mit der schnellsten Wechselzeit konnte Hermann Scheiring zwar Zeit gutmachen, aber der nächste Tiefschlag kam nach vier Laufkilometern: Ein Krampf im hinteren Oberschenkel zwang den guten Läufer zu einer Auszeit. Ein kritischer Moment, das Rennen schien gelaufen! Und auch der Rücken machte sich bemerkbar. Doch der erfahrene Triathlet wusste genau, wie er mit der Situation umgehen musste. Er schaffte es, den Krampf heraus zu dehnen und mit vorsichtigen Schritten wieder ins Laufen zu kommen. Die wunderschöne Laufrunde ging direkt am Meer entlang auf der „Promenade des Anglais“. Zigtausende von Zuschauern schauten dem Spektakel zu und feuerten die Athleten an. Nach zehn Kilometern hatte Hermann Scheiring einen Rückstand auf den Führenden von vier Minuten. Jedoch zeigte sich, dass Christos bereits seinem hohen Tempo Tribut zollen musste und immer langsamer wurde, während der Degginger seinen geplanten Schnitt von 4:30 min locker halten konnte, sogar eher schneller wurde. „Von meinem Schwager bekam ich laufend Infos über die Abstände nach vorne. Das war super hilfreich. Platz zwei war noch in Reichweite“. Zwischenzeitlich hatte sich der Franzose an die Spitze gesetzt; der Abstand zum zweiplatzierten Griechen betrug nur noch eine Minute. Zwei Kilometer später überholte Scheiring Christos und setzte sich auf Platz zwei. „Ein Sportkollege aus dem Team Zoot leistete mir hier wertvolle Tempodienste“. Und nun brach auch der Franzose ein. „Ich wusste es nicht, aber es muss auf dem letzten Kilometer gewesen sein, wo ich Pierrat überholt habe“. Mit einer unglaublichen Energieleistung konnte sich der Geislinger Triathlet im letzten Moment noch an die Spitze setzen und einen hauchdünnen Vorsprung von 30 Sekunden herauslaufen: Weltmeister Ironman 70.3.

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