Triathlon: Marathonmann nur in den Semesterferien

GZ – Thomas Friedrich – 11.10.2017

Der Degginger Hermann Scheiring hat sich bei seiner Premiere auf der Langdistanz in seiner Altersklasse für den Ironman auf Hawaii qualifiziert.

Für den Ironman nahm er 20 Jahre Anlauf. So lange hat sich Hermann Scheiring von der TG Geislingen schon dem Triathlon verschrieben. Bislang bevorzugte er die kurzen und die mittleren Strecken, jetzt lockte die Aussicht auf Hawaii. Zum Glück treffen sich die Eisernen Männer immer im September oder Oktober.

Zu der Jahreszeit hat Scheiring gerade frei. Der promovierte Erziehungswissenschaftler sucht sich immer nur die großen Wettkämpfe im Herbst raus, weil er da die Semesterferien der PH Ludwigsburg nutzen kann, auch zur Vorbereitung. Der internationale Terminkalender nimmt häufig Rücksicht auf die Belange eines deutschen Hochschuldozenten. Im vergangenen Jahr holte sich der Degginger im Herbst in Österreich den Europameistertitel in seiner Altersklasse der 55- bis 59-Jährigen.

Damals ging’s um die Mitteldistanz von zwei Kilometern Schwimmen, 90 Kilometer Rad und 21,1 Kilometer Laufen. Zuvor hatte Scheiring schon einige WM-Medaillen im Sprint und auf der Olympischen Distanz gesammelt.

Vor 20 Jahren haben Freunde den Mittel- und Langstreckenläufer einfach mal zum Triathlon mitgenommen. Scheiring gefiel’s auf Anhieb, obwohl er sich mit dem für Quereinsteiger üblichen Problem herumschlagen musste: Die Fortbewegung im Wasser war ausbaubedürftig. „Jahrelanges Training“ mit Hans-Joachim Söll haben aus dem Anfänger einen „ganz passablen“ Schwimmer gemacht.

Der sucht jetzt die ultimative Herausforderung für alle Triathleten. Den Ironman „muss man irgendwann mal mitgemacht haben“, sagt Scheiring. Er hat sich erst in diesem Jahr entschieden, es zu versuchen. Der Qualifikations-Wettkampf für Hawaii in Cervia war seine Premiere auf der Langdistanz. In der Toskana gab es in seiner Altersklasse nur zwei Tickets für das Mekka dieser Sportart. Scheiring lieferte Maßarbeit und holte sich Rang zwei.

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Dabei lief er den ersten Marathon seines Lebens. Nicht mal im Training ist er so lange am Stück gelaufen, weil „die Regeneration zu lange dauern“ würde. Auch ohne Erfahrung hat er sich ganz frech 3:30 Stunden zum Ziel gesetzt. Er hat einfach seine Halbmarathonzeiten von meist 1:29 verdoppelt und ein wenig Aufschlag draufgepackt. Heraus kamen exzellente 3:35 Minuten.

 

Scheiring war drei Tage vor dem Wettkampf in Italien, um sich zu akklimatisieren und die Radstrecke kennenzulernen. Dort genoss er die „wunderbare Aussicht“, die er so nur ohne Wettkampfstress erleben kann. Die Flamingos im Salzsee hat er jedenfalls „nur im Training wahrgenommen“, obwohl die am Wettkampftag „bestimmt auch da waren“.

Vorbereitet hat er sich schon zu Hause ausgiebig. In der entscheidenden Phase verbringt der 59-Jährige pro Woche schon mal 500 Kilometer auf dem Rad, läuft 100 Kilometer und schwimmt dreimal fünf Kilometer. Ein bis zwei Ruhetage pro Woche hält Scheiring dabei für „absolut wichtig“. Wobei Ruhetage nicht gleich Ruhe bedeuten. Da stehen dann eben so profane Dinge wie Gymnastik auf dem Stundenplan. In den „Hardcore-Wochen“ vor einem großen Wettkampf besteht das Leben des Hermann Scheiring aus „Trainieren, Schlafen und Essen“. Die Familie kommt in der Phase deutlich zu kurz. Immerhin haben sogar die Enkel schon ihren Frieden mit dem Trainingsplan des Großvaters gemacht. Die Kleinen wüssten schon, was los ist. „Heute ist Opa Radfahren“ oder „heute ist Opa Laufen“, zitiert er die verständnisvollen Aussagen von Kleinkindern.

Die werden ihn auch kommendes Jahr um diese Zeit wieder vermissen. Am 14. Oktober steht der Ironman über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen in Hawaii auf dem Programm. Davor schindet sich der Opa wieder wochenlang in den Semesterferien. Auf der Insel verkehrt sich der Nachteil, den er in der Toskana hatte, in einen Vorteil. Nächstes Jahr wird er 60 und startet auf Hawaii in der Klasse 60-64 als einer der Jüngsten.

Eineinhalb Wochen zur Akklimatisierung will er sich gönnen. Mit Urlaub dranhängen wird’s nichts. Zwei Tage nach dem Wettkampf beginnen an der PH in Ludwigsburg die Vorlesungen. Das Surfbrett kann Scheiring zu Hause lassen. Nicht immer nimmt der Terminkalender der Internationalen Triathlon-Union Rücksicht auf die Belange deutscher Hochschuldozenten.

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